Das Politische des Religiösen

Von Tim Miller

 

Opportunistisches Handeln ist in gewisser Hinsicht auch den Kirchen nicht gänzlich unbekannt. Die Beschneidung religiöser Wirkungsstrategien und Handlungsmaximen resultierten, seit dem beginnenden 19. Jahrhundert erkennbar, in der Säkularisation. Dennoch wird besonders in den Konzilsdokumenten des II Vatikanum ersichtlich, dass der Katholische Kirche nach wie vor eine politische Dimension anhaftet, welche alle Menschen dazu auffordert, „die menschliche Gemeinschaft auf der Ebene der Familie, der Kultur, des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, der nationalen und internationalen Politik“ (GS 44) voranzubringen, um den intrinsischen Wert eines jeden Individuums anzuerkennen. Die staatlichen sowie gesellschaftlichen Grundpfeiler einer jedweden Demokratie vermögen die Einflüsse der Religion zu begrenzen. Jedoch ist der Ausschluss des Politischen in der Katholischen Lehre nicht wirksam zu vollziehen. Es ist gar demokratietheoretisch unsachgemäß, aufgrund eines idealpolitisch – besonders vor dem weltpolitischen Hintergrund benötigten – kommunikativen und dialektischen Ansatzes der nationalen und internationalen Gemeinschaft. Sicherlich ist die kirchliche Politik immer auch distinktiv von einer christlichen Wahrheitssuche getrieben und geprägt –  eine gewisse Deckungsgleichheit bei vielerlei Sachthemen in europäischen Staaten ist erkennbar. So schreibt Dante Alighieri in seiner Monarchia: „Die Wahrheit […] erhellt nicht nur durch das Licht des menschlichen Verstandes, sondern auch durch den Strahl der göttlichen Autorität. Wenn diese beiden übereinstimmen, müssen Himmel und Erde gleichzeitig beipflichten“ (Alighieri, 2007: II, 1, 117). Diese Konsistenz der weltlichen und himmlischen Belange resultierte demnach bereits im 13. Jahrhundert in einer Forderung; hin zum gemeinsamen und allgemeinen Wohl (vgl. hierzu insbes. GS 26).

Der Brief des Papstes an die Bundeskanzlerin vor dem Hintergrund des G20 Gipfels in Hamburg ist somit keine irreguläre religiöse Einmischung in global-politische Belange, sondern ein notwendiger Prozess, der dialogisch verfasst und sowohl im theologischen als auch im politikwissenschaftlichen Diskurs verwurzelt ist (vgl. Franziskus PP., 29.06.17). Das Mitdenken und die Teilhabe an Vorschlägen anderer – selbst ein päpstlicher Brief an die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland – kann nicht als Missachtung der verhandelten Trennung von religiösen und staatlichen Belangen verstanden werden, sondern vielmehr als das Angebot des unterstützenden Beistandes. Dieser ist – das liegt in der Natur der Sache – katholisch geprägt und von einer universellen Heilswahrheit begleitet und durchzogen: „Moral principles do not depend on a majority vote. Wrong is wrong even if everybody is wrong. Right is right, even if nobody is right”, sagt der US-Amerikanische Bischof Fulton J. Sheen und umschreibt das Verhältnis der Kirche zu einer staatlich-regulierten gesellschaftlichen Wahrheit, die für alle schaffbar, aber auch zerstörbar ist. Daher ist eine Offenheit für die Meinung anderer – Andersdenkender – besonders auf weltpolitischer Ebene als vorteilhaft und als Anstoß zu verstehen und zu begrüßen.

Eine gewisse Verbundenheit von Staat und Kirche ist selbst im 21. Jahrhundert noch durchaus erkennbar, denn „das Verhältnis zwischen Staat und Religionen ging aus jahrhundertelangen Konflikten und Kulturkämpfen hervor und beruht heute auf einer fein austarierten Balance“ (Keller, 2017: 26). Papst Franziskus verweist daher zu Recht durch die Aufzählung von vier Handlungsprinzipien auf seine programmatische Schrift Evangelii Gaudium, welche er als Beitrag, Grundlage und zum Aufbau einer „brüderlichen, gerechten und friedlichen Gesellschaft“ (Franziskus, PP., 29.06.17) vorschlagen möchte: Die Zeit ist mehr wert als der Raum; die Einheit wiegt mehr als der Konflikt; die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee und das Ganze ist dem Teil übergeordnet (vgl. Franziskus PP., 2013: 217 – 237). Diese Ausführungen bekräftigen die Befähigung der Menschen – wie auch unter besonderer Rücksichtnahme auf jene, welche mit einem politischen Mandat ausgestattet sind – aus einer kirchlich geprägten Abendlandsgeschichte heraus für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder auch Gerechtigkeitsfragen handlungsfähig zu werden. Daher soll durch die Verwurzelung des Theologischen in der staatlichen Apparatur, sowie die Einflüsse der staatlichen Demokratie in die Theologie eine gewinnbringende und gegenseitige Befruchtung beider Elemente erfolgen. Denn ein Staat, der die Gottesfrage nicht stellt – diese gar ignoriert – läuft Gefahr, eine Vergesellschaftung der Heroisierung des Menschen an oberster Stelle zu präferieren. Dies beträfe nicht nur die staatlich gehandhabten gesetzlichen Initiativen und alltäglichen Regierungsbelange in der beginnenden Postmoderne, sondern hinterließe vielmehr ein gottleeres Vakuum, dem vieles um den Preis der Selbsterschaffung geopfert werden würde: „Sinn, der selbst gemacht ist, ist im Letzten kein Sinn. Sinn, das heißt der Boden, worauf unsere Existenz als ganze stehen und leben kann, kann nicht gemacht, sondern nur empfangen werden“ (Ratzinger, 1968: 66), schließt Joseph Ratzinger bereits im Jahre 1968. Diese Erkenntnis alsbald gesellschaftlich zu vermitteln, sei die Aufgabe des Papstes und der Katholischen Kirche.

Literaturverzeichnis

ALIGHIERI, Dante (2007): Monarchia, Studienausgabe Lateinisch-Deutsch, hrsg. Ruedi Imbach und Christoph Flüeler, Stuttgart.

FRANZISKUS PP. (2013): Adhortatio Apostolica Evangelii Gaudium, in: AAS (12/2013), 1019-1137.

FRANZISKUS PP. (2017): Schreiben von Papst Franziskus an Frau Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, aus Anlass des G20-Gipfels. Onlinedokument: https://w2.vatican.va/content/francesco/de/letters/2017/documents/papa-francesco_20170629_lettera-g20.html, zuletzt am: 24.11.2017.

KELLER, Claudia (2017): Kraft von oben, in: Herder Korrespondenz (8/2017).

RATZINGER, Joseph (1968): Einführung in das Christentum. München, Knaur Taschenbuch Verlag.

Vat. Konzil (1965): Past. Konst. Über die Kirche in der Welt von heute, Gaudium et Spes, in: AAS (58), 1025 – 1120.

 

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