Die Deutsche Leitkultur – Ein Paradoxon

Von Tim Miller

 

Die wahre Einheit in der äußeren gesellschaftlichen Sphäre,

erwächst aus der Einheit der Gesinnungen und der Herzen.

(II. Vatikanisches Konzil, Gaudium et Spes, 42, Nr. 13)

 

Sprechen wir als Deutsche von einer Leitkultur, ist diese unweigerlich exklusiv. Eine zentrale Kultur, welche durch die jahrhundertlange Vernetzung von Staat und Kirche auch durch einen kirchlichen Geist inspiriert wurde, kann jedoch niemals ein exkludierendes Element zum Inhalt haben. Dafür ist die Signifikanz des Christentums in dieser kulturwissenschaftlichen Debatte zu groß und verleiht doch dem Diskurs erst seinen Anlass zur Verteidigung dieses Abendlandes vor vermeintlich relativierenden Einwanderern und deren Kulturen, die oftmals als Feindbilder kontrafaktisch symbolisiert werden: „Dies diene der ‚kollektiven Identitätsbehauptung’ mit dem Ziel, ‚gesellschaftliche Heterogenität’ (Vielfalt) durch ‚behauptete Homogenität’ (Einheitlichkeit) abzulehnen. Die behauptete Identität sei jedoch ‚nicht christlich, sondern national konnotiert – deutsch’.“[1] Doch wie wird diese Leitkultur dargelegt?

„Ein Kern von gemeinsamen Grundwerten […] setzt der Verschiedenheit und dem Recht auf kulturelle Differenz und dem Prinzip der kulturellen Gleichwertigkeit Grenzen. Der gemeinsame Rahmen hat klaren Vorrang vor den besonderen Teilkulturen.“[2]

Dieses Konzept ist daher eine Zusammensetzung aus Handlungsmaximen, welche das Zusammenleben einer Gesellschaft garantieren, wobei auf Grundwerte zurückgegriffen wird, die durch einen vermeintlich allgemeingültigen Charakter ausgezeichnet sind. Nachdem die deutsche Geschichte so eng mit derjenigen der Kirchen verbunden ist, kann eine eindeutige Definition und Herangehensweise nicht ohne eine christlich geprägte Konnotation auskommen. Denn „das Verhältnis zwischen Staat und Religionen ging aus jahrhundertelangen Konflikten und Kulturkämpfen hervor und beruht heute auf einer fein austarierten Balance.“[3] In der deutschen Gesellschaft, die unter Bezugnahme des Religionsverfassungsrechts den Gegensatz zum Laizismus abbildet, erscheint es jedoch obsolet, das Streitgespräch über eine zentrale Kultur unter Bezugnahme auf die kirchliche Geschichte zu provozieren. Das Verständnis von gesellschaftlichem Zusammenleben inkludiert und bezieht sich – bei aller negativer Religionsfreiheit, die das deutsche Grundgesetz bietet – stets auf die Christlichkeit als Grundlage. Dieser Schutz vor kultureller Relativität, der aus einer Leitkultur resultiert, wird auch mit einer gewissen kirchlichen Legitimation gefordert, denn die christliche Geschichte der europäischen Staaten ist immerhin unbestreitbar, offensichtlich schützenswert und auch Grundstein der Debatte. Zwar kann beispielsweise konterkarierend erwähnt werden, dass ein Gottesbezug vergeblich in der Präambel des Vertrages von Lissabon zu suchen ist, jedoch zumindest das religiöse sowie kulturelle Erbe Europas benannt wird.[4] Diese historische Prägung manifestiert sich exemplarisch in der Krönung Karls des Großen im Jahre 800 durch Papst Leo III., durch die Streitigkeiten der Päpste und der deutschen Monarchen die Investitur betreffend oder in der Säkularisation, in welcher die Kirchen 1803 enteignet worden waren. Wer europäisch erzogen wird, kommt zumindest teilweise mit den kirchlichen Traditionsbeimessungen bzw. den daraus abgeleiteten Glaubens- und Moralvorstellungen in Berührung. Die beinahe schon jährlich aufkommende Forderung einer kulturellen Homogenität ist jedoch nicht nur die einer Werte- und Kulturhierarchie, sondern auch durch den jahrhundertealten gesellschaftlichen Pluralismus, der in den Kirchen verankert wurde, inspiriert. Dieser ist heute noch an den über eine Milliarde katholischer Gläubigen erkennbar. Nicht unlängst eröffnete der Bundesinnenminister Thomas de Maizière erneut den Dialog: „In einem Zehn-Punkte Katalog warb er Ende April in der ‚Bild am Sonntag’ für eine deutsche Leitkultur. Sie gehe über das deutsche Grundgesetz hinaus und schließe die christliche Prägung, das freundschaftliche Staat-Kirchen-Verhältnis und das Bekenntnis zu einer offenen, pluralen Gesellschaft ein.“[5]

 

Doch an dieser Stelle verirrt sich der Minister in einen Widerspruch! Eine Leitkultur mit kirchlichen Motiven kann keine Leitkultur sein. Wenngleich der Debatte der Grundsatz voransteht „dem Heiligen des anderen ehrfürchtig zu begegnen“ wird uns dies letztlich nur durch die zirkulierende Bewusstwerdung ermöglicht, „wenn uns das Heilige, Gott, selbst nicht fremd ist.“[6] Das II Vatikanum erkennt jedoch auch jenen Auftrag an, der menschlichen Gemeinschaft zum Aufbau und der Festigung nach göttlichem Gesetz zu verhelfen.[7] Die daraus resultierende Kraft ergibt sich in einer gesellschaftlichen Dynamik, welche die besondere Einheit und den Prozess einer gesunden Sozialisation hin zu einer Förderung des bürgerlichen und wirtschaftlichen Bereichs im kirchlichen Geist vorantreibt.[8] Inspiriert von den zehn Geboten und durchdrungen von biblischer und dogmatischer Korrektheit gipfelt diese Erkenntnis: „Förderung von Einheit hängt ja mit der letzten Sendung der Kirche zusammen, da sie ‚in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit’[9] ist.“[10] In diesen Ausführungen lässt sich auch die Absage an den negativen und ausschließenden Kern einer deutschen – oder gar europäischen – Leitkultur wiederfinden: Da die Kirche – kraft ihres Sendungsauftrages und Natur – an keine besondere Form menschlicher Kultur, politisches, wirtschaftliches oder gesellschaftliches System gebunden ist (oder präferieren darf), kann durch eben jene Universalität ein engeres Band zwischen Gemeinschaften und Nationen gefördert werden.[11] Doch für Thomas de Maizère „ist die Religion […] wichtiger Teil der deutschen ‚Leitkultur’.“[12] Der religiöse Grundgedanke pervertiert, wenn er funktionalistisch für die Legitimation einer Leitkultur verwendet wird, denn „Gott hat die Erde dem ganzen Menschengeschlecht geschenkt, ohne jemanden auszuschließen oder zu bevorzugen.“[13] Die Christlichkeit um ihrer selbst willen zu schützen, wird durch ihr Selbstverständnis unmöglich gemacht. Genährt durch eben diese religiöse Prägung des Abendlandes kann die Diskussion um eine deutsche Leitkultur nicht geführt werden. Die Distinktion zwischen Personen, die nach staatlicher und kultureller Gnade einem höheren Stellenwert unterliegen, widerspricht der kirchlich geforderten allgemeinen Einheit, wonach die Sitten als auch Gepflogenheiten der verschiedensten Menschen gleichwertig sind.[14] Es ist somit nicht möglich, als christlicher Mensch eine Leitkultur zu fordern, die einen exkludierenden Charakter in sich trägt.

„Dies entspricht im Kern auch [nicht] der Botschaft Jesu. Statt mit einem Kulturbegriff zu hantieren, der exkludiert, könnte eine gesellschaftliche Verständigung über Werte und Gewohnheiten als Spiel verstanden werden, für das sich alle Mitspieler auf Spielregeln eignen.“[15]

Eine deutsche Leitkultur ist daher christlich nicht sachgemäß.


[1] HEIMBACH-STEINS, Marianne (2017): AfD instrumentalisiert Christentum. http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/sozialethikerin-afd-instrumentalisiert-christentum

(Zugriff: 06.08.17).

[2] OHLERT, Martin (2014): Zwischen „Multikulturalismus“ und „Leitkultur“ – Integrationsleitbild und –politik der im 17. Deutschen Bundestag vertretenen Parteien. Wiesbaden, Springer Verlag, 19.

[3] KELLER, Claudia (2017): Kraft von oben, in: Herder Korrespondenz (8/2017), 26.

[4] Vgl. NAUMANN, Kolja. (2009): Die Erwähnung des religiösen Erbes in der Präambel eines europäischen Gründungsvertrags – Rhetorik oder Rechtssatz? http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/presse_import/vortrag_naumann.pdf (Zugriff: 10.08.17).

[5] MERTEN, Felizia (2017): Phantom Leitkultur, in: Herder Korrespondenz (6/2017), 7.

[6] RATZINGER, Joseph. (2000): Europa. Seine geistigen Grundlagen gestern, heute, morgen.

http://ivv7srv15.uni-muenster.de/mnkg/pfnuer/Europa-geistige%20Grundlagen-Bayern-Rom.pdf

(Zugriff: 10.08.17).

[7] Vgl. II. Vat. Konzil (1965): Past. Konst. Über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et Spes, Kap. IV, in: Acta Apostolicae Sedis 58, 42.

[8] Vgl. ebd.

[9] II. Vat. Konzil (1965): Dogm. Konst. Über die Kirche Lumen Gentium, Kap. I, Nr. 1, in: Acta Apostolicae Sedis 57, 5.

[10] II. Vat. Konzil (1965): Past. Konst. Über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et Spes, Kap. IV, in: Acta Apostolicae Sedis 58, 42.

[11] Vgl. ebd.

[12] KELLER, Claudia (2017): Kraft von oben, in: Herder Korrespondenz (8/2017), 25.

[13] FRANZISKUS PP. (2015): Litterae encyclicae Laudato si, Kap. IV, in: Acta Apostolicae Sedis 107, 93 sowie vgl. JOHANNES PAUL PP. II. (1991): Litterae encyclicae Centesimus annus, in: Acta Apostolicae Sedis 83, 31.

[14] Vgl. II. Vat. Konzil (1965): Past. Konst. Über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et Spes, Kap. IV, in: Acta Apostolicae Sedis 58, 29.

[15] MERTEN, Felizia (2017): Phantom Leitkultur, in: Herder Korrespondenz (6/2017), 7.

Die Deutsche Leitkultur – Ein Paradoxon

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