Masterpaper #1 Die Transformation der Ökonomie

Aufklärung zwischen Hyper und Hybris

Ilia Kramer & Ramona Maria Kordesch

 

Am 14. Oktober 2012:

Felix Baumgartner raste aus der Stratosphäre im freien Fall auf die Erde zu.

Die Welt sah zu.

 

Am 7. Februar 2018

Elon Musk schießt mit seinem Unternehmen Space X einen Tesla ins All.

Abermals: Die Welt sah zu.

 

Beide Ereignisse führen die Rangliste der meistgesehenen Livestreams an und übertrafen sich gegenseitig an Zuschauerrekorden. Alles nur ein Marketinggag der Konzerngiganten Red Bull und Tesla, die der Menschheit das schlichtweg Undenkbare mund- wie artgerecht in die Oberflächenwelt der Konsumenten, respektive Menschen, liefern?

Felix‘ freier Fall und freier Blick auf 233 Billionen Dollar Gesamtverschuldung. Was sind schon Milliarden an Sternen dazu im Vergleich? Fast bekommt die Unendlichkeit ein numerisches Äquivalent und hier unten, auf der Erde, glaubt man weiterhin an Wachstum – weil noch immer alles geht, was eigentlich nicht geht.

Dann dieser knallrote Tesla, der, nicht mit fossilen Brennstoffen angetrieben, am solaren Highway alle Geschwindigkeitsbeschränkungen überschreitet. Das Prestigeprodukt des postkapitalistischen Zeitalters ist seitdem auf seiner Mission zum Mars. Was internationale Institutionen, wie z.B. die NASA, nicht zu Stande brachten, schaffte der Ehrgeiz eines Einzelnen namens Elon Musk. Es ist schon erstaunlich, dass jenseits etablierter Institutionen, Konzerne das Universum für alle erlebbar, größer und weiter gemacht haben.

Und nun schwebt er in der Unendlichkeit, der Tesla, als Mahnmal für die Kapitalisierung der Welt, die die Schwerkraft der Geisteswissenschaften zu besiegen scheint.

 

Anything goes but nothing comes!

Während der glückliche Felix den Sternentoren nahegekommen ist und nun ein sorgloses Dasein im Land der nunmehr begrenzten Möglichkeiten genießt, hat Ikarus den Sonnenwagen ausrangiert und darf seine unbekümmerte Jugend mit einem Tesla schmücken. Einsam in der Utopie einer Welt, in der die Sonne niemals untergeht, verbleibt der juvenile Rest der Menschheit – wohl versorgt mit kapitalistischen Wachstumsnarrativen, die allesamt zum Zerbrechen jedweder gesellschaftlichen Ligatur und sämtlichen moralischen Orientierungsgrößen führen.

Diese Diagnose wird in zahlreichen Krisen manifest und deutlich. Das Karzinom der Leistungsgesellschaft oszilliert zwischen Hyper und Hybris des Silicon Everywhere. Dem cash flow der Innovation folgt der break down des Menschlichen.

Längst haben sich natürliche menschliche Makel als Krankheiten auch medizinisch etabliert. Die Psychokardiologie ist mittlerweile anerkannt und ahnt darum, dass die Menschheit am gebrochenem Herzen und am Verlust des Glaubens (auch an sich selbst), erkrankt ist. Die Psychologie spricht von Schatten. Nur wo ist das Licht?

Einen anderen Schauplatz des kapitalistischen Hochmuts bietet die Verheißung über Big Data.

Die Blaupause der kapitalistischen Innovation zeigt über die ellenlagen Diskussionen über Daten als Freund und gleichzeitigen Feind des Menschen eines ganz deutlich:  Wir sind nicht mehr imstande die Geschwindigkeit, noch die Menge, oder die Erkenntnisse der überbordenden Wissens-, Daten- und Informationsströme physisch und psychisch zu verfolgen.

A steht heute für Artifical Intelligence, weniger für Aufklärung.

Für den Plan B haben wir nicht vorgesorgt, wenn wir uns augenscheinlich nicht um die Existenz von künstlicher Intelligenz (KI) kümmern, sondern um ihre tatsächliche Potenz sorgen müssen. Es sollte zumindest zu denken geben, dass selbst die Metropole der digitalen Industrie, Palo Alto, CA., und ihre gewichtigen Berater, wie Sean Parker, vor der Verselbstständigung der Systeme –  nachdrücklich aus ethischen Gründen –  warnen. Selbst das mediale Flaggschiff der Szene Wired, schreibt, dass 2018 das Ende ihres Glaubens an die Algorithmen einleitet werden würde.

Der Philosoph und Mathematiker Pierre Simon Leplace hat Mitte des 18. Jahrhunderts an einer Formel laboriert, die als Weltgleichungssystem gedacht, alles Zukünftige exakt voraussehen kann. Später wurde von seiner Erfindung als Leplace‘schen Dämon gesprochen.

Don’t be evil, schrieb Google einst in seine Marketingstrategie während Amazon sich zur definitiven Ausnahme von Adornos Regel entwickelt, dernach nichts Gutes in einem System des Schlechten bestehen kann.

Der abgelooste Mensch? Ja, denn beide Datengiganten beschränken sie sich nicht auf die Vorhersehbarkeit der Entwicklung von profaner Materie, sondern validieren das existentielle Verhalten des Menschen, während sie es gleichzeitig monetarisieren.

Der digitale footprint als menschlicher Makel? Sozusagen, denn beides, die Effektivität und die Effizienz des Menschlichen zugunsten Dritter, treten der Freiheit und der Autonomie des Menschen den Rang ab. Die Geschichte schreiben nicht wir, sondern die anderen.

 

Aufbruch ins anthropologische Zeitalter?

Während uns die Digitalisierung vor allem den Vorteil der Unmittelbarkeit ins tägliche Leben verspricht, zeichnet uns die Analyse des Status Quo digitaler Sozialisation mittelbar ein besorgniserregendes Bild über den ethischen Grundwasserspiegel unserer Gesellschaft. Die Logik, dass einer technischen Innovation auch eine soziale folgen muss, hat noch nicht gegriffen. Und dies, obwohl uns hinlänglich bekannt ist, dass die nächste industrielle Revolution – die Digitalisierung – nicht nur zum Sterben ganzer Berufsbilder führen wird, sondern vielleicht auch zum Ende der Erwerbsarbeit schlechthin.

Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen! (Vgl. 2 Thess 3, 10-11)

Throwback ins biblische Zeitalter?  Pessimisten sprechen vom Aufstand der Maschine gegen den Menschen. Optimisten von der Freisetzung des Menschen per se und der epochalen Chance, den Menschen und sein Tun neu zu denken, nämlich zivilgesellschaftlich – als Gegenpol zum Unterdrückungsmechanismus von den Datenkraken der Konzernmultis.

Solidarität, subsidiäre Fürsorge und der Ausgleich von Interessen, als wesentliche Errungenschaft der Aufklärung, können trotz bemühter Übersetzung ins Digitale nicht so wirksam werden, wie das Analoge abkömmlich ist.

Dem Menschen, der an seiner eigenen Prosperität noch interessiert ist, müsste damit deutlich werden, dass der Gegenpol zum Digital-Abstrakten nur die menschliche Vernunft sein kann. Sie befriedigt nicht sondern befähigt, wie sie als einzige die menschliche Lebenswelt von ihren kapitalistischen Kolonialherren zu befreien in der Lage ist.

Die Wiedererweckung und Ausprägung eines aufklärerischen Bewusstseins in jedem Einzelnen wäre damit eine Herausforderung der Gegenwart, die es zu nehmen gilt, soll die Digitalisierung zum nachhaltigen Fortschritt des Menschlichen beitragen.

Man könnte es auch die Arbeit der Zivilgesellschaft nennen – ganz ohne Livestream, Felix und Tesla aber genauso universal.

Masterpaper #1 Die Transformation der Ökonomie

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